Der jüdische Melaten
Rundgang auf dem Neuen jüdischen Friedhof Bocklemünd
Eine Entdeckung von Antonia Frinken
Was ihr entdecken könnt
Der neue jüdische Friedhof Bocklemünd ist der größte seiner Art in Köln und wird bis heute von der Synagogen-Gemeinde Köln genutzt. Obwohl er erst 1918 angelegt wurde, ermöglicht er Einblicke in die jüdische Geschichte Kölns vom Mittelalter bis in die Gegenwart.
Selbstbewusstsein und Anpassung
Die 1930 hinzugefügte Trauerhalle im neoklassizistischen Stil, die auch das Eingangsportal bildet, sowie die dahinter mittig durch den älteren Teil verlaufende Sichtachse sind einzigartig unter den jüdischen Friedhöfen in der Domstadt.
Die Grabsteine zu beiden Seiten der Sichtachse geben Aufschluss über die Diversität innerhalb der Synagogen-Gemeinde Köln zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Jüdische Kölner*innen waren in allen gesellschaftlichen Schichten und Stadtvierteln vertreten. Während viele jüdische Familien bereits seit Generationen in Köln lebten, gab es auch zahlreiche sogenannte „Ostjuden“, die zum Ende des 19. Jahrhunderts vor Pogromen aus dem Zarenreich geflohen waren. Infolge der Haskalah, auch jüdische Aufklärung genannt, bildeten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts die religiösen Strömungen von orthodox bis liberal heraus.
Für orthodox ausgerichtete Verstorbene wurden oft Grabsteine mit überwiegend oder sogar ausschließlich hebräischer Inschrift aufgestellt. Grabsteine für liberale Personen verzichten dagegen oft gänzlich auf hebräische Inschrift und lassen die religiöse Zugehörigkeit nur durch die Verwendung von Davidsternen erkennen.
Kölns ältester, seit dem 12. Jahrhundert belegter jüdischer Friedhof musste 1936 dem Bau der Kölner Großmarkthalle weichen. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts war der Begräbnisplatz mit Unterbrechungen genutzt worden, im 18. Jahrhundert in Vergessenheit geraten und 1922 bei Bauarbeiten freigelegt worden. Die verbliebenen Grabsteine und sterblichen Überreste wurden auf den jüdischen Friedhof Bocklemünd verbracht. Zur linken Seite der Sichtachse wurde ein Lapidarium (Lateinisch: Steinhaus) für die mittelalterlichen Grabsteinfragmente errichtet.
Zeugnisse einer sich entwickelnden Erinnerungskultur
Am hinteren Drittel der Sichtachse befinden sich mehrere Denkmäler, die die Entwicklung von Erinnerungskulturen nachvollziehbar machen. Am ältesten und markantesten ist das Ehrenmal für die jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkriegs, das 1934 von der Kölner Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten errichtet wurde. Direkt gegenüber wurde zum 75. Jahrestag der deutschen Kapitulation am 8. Mai 2020 ein Mahnmal für die jüdischen Gefallenen des Zweiten Weltkriegs aufgestellt. Diese Stele mit Inschriften in mehreren Sprachen erinnert gleichermaßen an Shoah-Opfer sowie jüdische Soldat*innen und Widerstandskämpfer*innen.
Das Denkmal für die 11.000 Kölner Opfer der Shoah mit der Gedenktafel für Rabbiner Dr. Isidor Caro wurde bereits 1948 auf Initiative der Synagogen-Gemeinde errichtet. Erst ab den 1980er Jahren bildete sich in der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft eine Erinnerungskultur für die Opfer von NS-Verbrechen.
Eine weitere Stele erinnert seit 1978 an die beim Novemberpogrom zerstörten Kölner Synagogen. Das Original aus Bronze wurde 2010 entwendet und 2020 durch eine Replik aus Fiberglas ersetzt.
Praktische Informationen
Bitte achtet vor Ort auf die Beschilderung und haltet euch daran.
Inklusive Infos
- Wege aus Kies und festgetretener Erde
- Ebenerdiger Zugang, abgesehen von wenigen Stufen hinter dem Eingang
- Informationstafel mit Karte des Geländes am Eingang
- Geringe Lautstärke vom Straßenverkehr, ansonsten vor allem Naturgeräusche
Infrastruktur
- Anfahrt mit dem Auto möglich, Parkplätze am Westfriedhof
- Anfahrt mit dem ÖPNV mit den Straßenbahnlinien 3 und 4 bis Haltestelle Bocklemünd
- Büdchen vor dem jüdischen Friedhof
- Toiletten auf dem Westfriedhof - bitte Öffnungszeiten beachten